Resümee

In den letzten Jahren – vor allem im letzten, sehr ereignisreichen Jahr – ist mir bewusst geworden, dass man die Steine die einem im Weg liegen immer selber aufklauben muss.
Eine gute Verarbeitungsstrategie für manche Erlebnisse war (und ist), mir Dinge von der Seele zu schreiben. Anfangs unbekümmert, wer privates mitlesen kann, später immer mehr eingeschränkt, weil es Fremde doch nichts angeht. Und obwohl Fremde oft mehr Anteil zu nehmen scheinen, als die Familie, Freunde, in einer schweren Zeit.
So diente dieser Blog auch oft als Nachschlagwerk für entfernte Freunde, Bekannte – um erst gar nicht persönlich nachfragen zu müssen was es Neues gibt, und trotzdem informiert zu sein. Ohne dies aber großartig zu kommentieren. Da das Jahr 2013 auch diesbezüglich ein sehr lehrreiches war, möchte ich den Zugang in dieser Form nicht mehr gewähren. Es hat sich wieder einmal bestätigt, dass es nicht unbedingt die Menschen sind, von denen es man erwarten würde dass sie einem in schweren Stunden beistehen, Blutsverwandtschaft oder Jahrzehnte lange Freundschaften halten sich nicht immer an moralische Grundwerte – nicht dass sie automatisch helfen sollten, die Steine aus dem Weg zu räumen, aber kurz am Wegesrand verweilen und sich über das Ausmaß der Hindernisse ein Bild zu verschaffen, gemeinsam Möglichkeiten zu diskutieren diese aus dem Weg schaffen zu können oder einfach zuhören, schweigen – welche Unterstützung halt zumutbar wäre: Von Geschwistern, Eltern, engsten Vertrauten ist das zu erwarten. So dachte ich. Ich wäre kein Mensch, wenn ich mich nicht hin und wieder irren würde. Schwierige Phasen sind aber auch für positive Überraschungen offen. So danke ich den Menschen, von denen ich das nicht unbedingt erwartet hätte, dass sie in diesen schweren Stunden zu jeder Tages- und Nachtzeit ein offenes Ohr hatten.

So schließe ich diesen Blog der anfangs dazu dienen sollte eine Informationsplattform für Menschen zu sein, die mir in irgend einer Form nahe waren und doch zu weit weg um mit ihnen das reale Leben bei einem Zusammentreffen zu diskutieren.

„Manche Freunde gleichen unseren Schatten: Sie halten sich dicht hinter uns, solange wir in der Sonne gehen, verlassen uns aber sofort, wenn wir ins Dunkel geraten.“

Advertisements

Die Eleganz des Igels (Buch)

Ich heiße Renée. Ich bin vierundfünfzig Jahre alt. Seit siebenundzwanzig
Jahren bin ich Concierge in der Rue de Grenelle 7, einem schönen herrschaftlichen Stadthaus mit Innenhof und Innengarten, aufgeteilt in acht exquisite Luxuswohnungen, alle bewohnt, alle gigantisch. Ich bin Witwe, klein, häßlich, mollig, ich habe Hühneraugen und, gewissen Morgenstunden zufolge, in denen er mich selbst stört, einen Mundgeruch wie einMammut. Ich habe nicht studiert, ich war immer arm, unauffällig und unbedeutend.
Ich lebe allein mit meiner Katze, einem großen faulen Kater, dessen einzige nennenswerte Eigenheit darin besteht, an den Pfoten zu stinken, wenn er verstimmt ist. Weder er noch ich unternehmen große Anstrengungen, uns in die Reihe unserer Artgenossen einzugliedern. Da ich selten liebenswürdig, jedoch immer höflich bin, liebt man mich nicht, toleriert mich aber gleichwohl, weil ich dem, was sich in der gesellschaftlichen Überzeugung zum Paradigma der Concierge zusammengeballt hat, so genau entspreche, daß ich eines der mannigfaltigen Rädchen im Getriebe bin, das die große universelle Illusion in Bewegung hält, der zufolge das Leben einen leicht durchschaubaren Sinn hat. Und dann steht irgendwo geschrieben, daß Conciergen alt, häßlich und kratzbürstig sind, es steht ebenfalls in Flammenschrift am Frontispitz des gleichen einfältigen Firmaments eingraviert, daß besagte Conciergen fette,wankelmütigeKatzen haben, die den lieben langen Tag auf Kissen mit Häkelbezügen vor sich hin dösen.

Im gleichen Kapitel heißt es, daß Conciergen endlos fernsehen, während ihre fetten Katzen schlummern, und daß es im Eingang des Hauses nach Kohlsuppe oder Eintopf riechen muß. Ich habe das ungeheure Glück, Concierge in einer Luxusresidenz zu sein. Es war für mich derart erniedrigend, diese abstoßenden Gerichte kochen zu müssen, daß das Veto von Monsieur de Broglie, dem Ministerialrat vom ersten Stock, das er seiner Frau gegenüber wohl als »höflich, aber entschieden« bezeichnet hat und das bezweckte, diese plebejischen Gerüche aus der
gemeinsamen Existenz zu verbannen, eine unendliche Erleichterung für mich bedeutete, die ich hinter einem scheinbar gezwungenen Gehorsam so gut wie möglich verbarg.
Das war vor siebenundzwanzig Jahren. Seither gehe ich jeden Tag zum Metzger und kaufe eine Scheibe Schinken oder eine Schnitte Kalbsleber, die ich in meinem Einkaufsnetz zwischen das Paket Nudeln und den Bund Karotten klemme. Willfährig stelle ich diese Lebensmittel der Armen zur Schau, die sich durch das schätzenswerte Merkmal auszeichnen, dass sie nicht riechen, da ich arm bin in
einem Haus von Reichen. Mit ihnen nähre ich das gängige Klischee und gleichzeitig Leo, meinen Kater, der einzig von diesen Mahlzeiten fett ist, die eigentlich mir
zugedacht wären, und der sich den Bauch geräuschvoll mit Schweinernem und Buttermakkaroni vollschlägt, während ich, ohne olfaktorische Beeinträchtigung und ohne jemandes Verdacht zu erregen, meine eigenen kulinarischen Neigungen befriedigen kann.

Ich bin zwölf Jahre alt, ich wohne in der Rue de Grenelle 7 in einer Wohnung für Reiche. Meine Eltern sind reich, meine Familie ist reich, und meine Schwester und ich sind folglich potentiell reich. Mein Vater ist Abgeordneter, nachdem er Minister
war, und er wird vermutlich als Präsident der Nationalversammlung enden und den Weinkeller des »Hôtel de Lassay« leeren. Meine Mutter … Nun, meine Mutter ist nicht gerade eine Leuchte, aber sie ist gebildet. Sie ist Doktor der Sprach und Literaturwissenschaft. Sie schreibt die Einladungen für ihre Abendgesellschaften fehlerfrei und verbringt ihre Zeit damit, uns mit literarischen Verweisen auf die Nerven zu gehen (»Colombe, spiel nicht die Guermantes«, »Mäuschen, du bist eine echte Sanseverina«).
Trotz alldem, trotz dieses ganzen Glücks und dieses ganzen Reichtums, weiß ich schon lange, daß die Endstation das Goldfischglas ist. Warum ich das weiß? Der Zufall will, daß ich sehr intelligent bin. Außergewöhnlich intelligent sogar. Im Vergleich mit den Kindern meines Alters besteht ein Abgrund. Da ich keine große Lust habe, daß man auf mich aufmerksam wird, und da in einer Familie, in der die Intelligenz das Höchste ist, ein hochbegabtes Kind nie seine Ruhe hätte, versuche ich, meine Leistungen im Collège einzuschränken, doch selbst so bin ich immer noch Klassenbeste. Man könnte meinen, es sei ein leichtes, eine normale Intelligenz vorzuspielen, wenn man wie ich mit zwölf Jahren das Niveau einer Khâgneuse* hat.
Weit gefehlt! Man muß sich ganz schön anstrengen, um sich dümmer zu stellen, als man ist. Aber in gewisser Weise hindert es mich nicht daran, vor Langeweile umzukommen: Die ganze Zeit, die ich nicht damit zubringen muß, zu lernen und zu verstehen, verwende ich darauf, den Stil, die Antworten, die Vorgehensweisen, die Sorgen und die kleinen Fehler der normalguten Schüler nachzuahmen. Ich lese alles, was Constance Baret, die Zweite der Klasse, in Mathe, Französisch und Geschichte schreibt, und so lerne ich, was ich machen muß: in Französisch eine Folge von zusammenhängenden und richtig geschriebenen Wörtern, in Mathe die mechanische Wiedergabe von Operationen ohne Sinn und in Geschichte eine Folge
von Tatsachen, die durch logische Elemente miteinander verbunden sind. Doch selbst verglichen mit den Erwachsenen bin ich viel schlauer als die meisten von ihnen. Das ist einfach so. Ich bin nicht sonderlich stolz darauf, denn es ist nicht * Umgangssprache: Klasse, in der man sich nach dem Baccalauréat zur
Aufnahmeprüfung für die »École normale supérieure«, eine Elitehochschule, vorbereitet. Mein Verdienst. Doch eines ist sicher, ins Goldfischglas gehe ich nicht. Das ist ein wohlüberlegter Entschluß. Selbst für jemanden, der so intelligent ist wie ich, so begabt fürs Lernen, so anders als die andern und den meisten auch so haushoch überlegen, ist das Leben schon vollständig vorgezeichnet, und es ist zum Weinen traurig: Niemand scheint an die Tatsache gedacht zu haben, daß, wenn die Existenz absurd ist, darin zu glänzen und Erfolg zu haben keinen höheren Wert hat, als darin zu scheitern. Es ist nur angenehmer. Wenn überhaupt: Ich glaube, der Scharfblick macht den Erfolg bitter, während die Mittelmäßigkeit immer noch auf etwas hoffen läßt.
Ich habe also meinen Entschluß gefaßt. Ich werde die Kindheit bald verlassen, und wenn ich auch genau weiß, daß das Leben eine Farce ist, glaube ich nicht, daß ich bis zum Schluß standhalten könnte. Im Grunde sind wir programmiert, an das
zu glauben, was nicht existiert, weil wir Lebewesen sind, die nicht leiden wollen. So wenden wir unsere ganze Kraft auf, uns zu überzeugen, daß es Dinge gibt, die es wert sind, und daß das Leben daher einen Sinn hat. Ich mag noch so intelligent sein, ich weiß nicht, wie lange ich gegen diese biologische Tendenz werde ankämpfen können. Werde ich, wenn ich einmal in das Rennen der Erwachsenen eingestiegen bin, noch fähig sein, dem Gefühl der Absurdität die Stirn zu bieten?
Ich glaube nicht. Daher habe ich meinen Entschluß gefaßt:
Am Ende dieses Schuljahres, an meinem dreizehnten Geburtstag,
am 16. Juni, werde ich Selbstmord begehen.
Achtung, ich habe nicht vor, viel Aufhebens davon zu machen, als wäre es eine
mutige Tat oder eine Herausforderung. Es liegt übrigens ganz in meinem Interesse, daß niemand Verdacht schöpft. Die Erwachsenen haben eine hysterische Beziehung zum Tod, das nimmt riesige Ausmaße an, man macht viel Theater darum, und
dabei ist es doch das banalste Ereignis der Welt. Worauf es mir im Grunde ankommt, ist nicht die Sache an sich, sondern
ihr Wie. Meine japanische Seite neigt natürlich zu Seppuku.
Wenn ich sage meine japanische Seite, dann meine ich meine Liebe zu Japan. Ich bin in der vierten Klasse am Collège und habe natürlich Japanisch als zweite Sprache genommen. Der Japanischlehrer ist nicht gerade eine Offenbarung, er verschluckt
die Wörter auf französisch und kratzt sich die ganze Zeit mit ratloser Miene den Kopf, aber wir haben ein Lehrbuch, das gar nicht so übel ist, und seit Beginn des Schuljahrs habe ich große Fortschritte gemacht. Ich hoffe, daß ich in ein
paar Monaten meine Lieblingsmangas im Original lesen kann. Mama versteht nicht, daß ein so-begabtes-kleines-Mädchenwie- du Mangas lesen kann. Ich habe mir nicht einmal die Mühe gemacht, ihr zu erklären, daß »Manga« auf japanisch lediglich »Comic« heißt. Sie glaubt, daß ich mich mit Subkultur vollsauge, und ich lasse sie in ihrem Glauben. Kurz, in ein paar Monaten kann ich Taniguchi vielleicht auf japanisch lesen. Doch das führt uns wieder zurück zur Sache: Es muß vor dem 16. Juni geschehen, denn am 16. Juni werde ich Selbstmord begehen.
Aber kein Seppuku. Das wäre zwar voller Sinn und Schönheit, aber … nun … ich habe nicht die geringste Lust zu leiden. Ja, ich würde es geradezu verabscheuen zu leiden; ich finde, wenn man den Entschluß faßt zu sterben, gerade weil man der Meinung ist, daß es völlig normal ist, muß man das auf sanfte Art
tun. Sterben soll ein behutsamer Übergang sein, ein gedämpftes Hinübergleiten in die Ruhe. Es gibt Leute, die begehen Selbstmord, indem sie sich aus dem Fenster des vierten Stocks stürzen oder Javelwasser trinken oder sich erhängen! Das ist
völlig unsinnig! Ich finde es sogar obszön. Wozu dient sterben denn, wenn nicht dazu, nicht zu leiden? Ich habe meinen Abgang wohl geplant: Seit einem Jahr nehme ich jeden Monat eine Schlaftablette aus der Schachtel auf Mamas Nachttisch.
Sie konsumiert so viele, daß sie es nicht einmal merken würde, wenn ich jeden Tag eine nähme, aber ich habe beschlossen, äußerst vorsichtig zu sein. Man soll nichts dem Zufall überlassen, wenn man einen Entschluß faßt, der wenig Aussichten
hat, verstanden zu werden. Man macht sich keine Vorstellung, wie schnell die Leute die Pläne durchkreuzen, die einem am wichtigsten sind, im Namen von abgeschmackten Phrasen wie »der Sinn des Lebens« oder »die Liebe zum Menschen«.
Ah ja, und dann: »die Heiligkeit der Kindheit«.
Ich gehe also ruhig auf das Datum des 16. Juni zu, und ichhabe keine Angst. Es gibt höchstens ein paar Dinge, um die es mir leid tut, vielleicht.

Bücherliste 2007

Das letzte Jahr bin ich aus unerfindlichen Gründen nicht besonders viel zum Lesen gekommen. Meistens hatte ich dann aber wirklich ein gutes Buch, wenn ich dazu kam. Einen Auszug aus meiner persönlichen 5*chen Kategorie:

G. Marquez:

  • Chronik eines angekündigten Todes
  • Von der Liebe und anderen Dämonen

J. Saramago:

  • Eine Zeit ohne Tod

T.C. Boyle:

  • Grün ist die Hoffnung
  • Drop City

Ch. Bukowski:

  • Jeder zahlt drauf
  • Der Mann mit der Ledertasche

Th. Glavinic:

  • Der Kameramörder
  • Die Arbeit der Nacht

Andrea De Carlo:

  • Arcodamore
  • Wenn der Wind dreht

José Saramago – Die Stadt der Blinden

Ein ganz normaler Tag in einer ganz normalen Stadt. Wartende Autos vor einer Straßenkreuzung. Die Verkehrsampel wechselt auf grün, aber einer der Wagen bleibt stehen. Hupen, Flüche, Chaos. Eine Panne? Nein, der Fahrer steigt verzweifelt aus seinem Wagen: „Ich bin blind. Ich kann nichts mehr sehen.“ Ein hilfsbereiter Passant springt hinzu: „Ich fahre Sie nach Hause.“
Daheim Beratung mit der Ehefrau, Ruf eines Taxis und Fahrt zum Augenarzt. Die Sprechstundenhilfe gewährt Vortritt. Der Arzt kann jedoch keine Ursache finden, konsultiert Kollegen und informiert schließlich das Ministerium. Indes wird der hilfreiche Passant zum Autodieb. Aber auch erblindet und ein Polizist bringt ihn ins Krankenhaus. Inzwischen haben alle, die mit dem Autofahrer Kontakt hatten, ihre Sehkraft verloren, von der Ehefrau bis zum Taxifahrer. Die Krankheit, die sich als blendende Grellheit äußert, ist offenbar ansteckend. Das Ministerium reagiert postwendend und verbringt die Infizierten in ein leerstehendes Irrenhaus, scharf bewacht von Militär. Keiner darf die Anstalt verlassen, niemand hat Zutritt.

Die merkwürdige weiße Blindheit breitet sich zur Epidemie aus, immer mehr Blinde werden eingesperrt, was die Zustände in der notdürftig ausgestatteten Irrenanstalt immer chaotischer macht. Die hygienischen Verhältnisse sind unvorstellbar. Die Insassen kämpfen rücksichtslos gegeneinander ums nackte Überleben, organisierte Vergewaltigungen und Diebstähle sind an der Tagesordnung.
„Waren wir nicht vielleicht schon blind, ehe wir erblindet sind“, fragt sich einer und stellt damit dem Leser die Frage, ob nicht vielleicht auch er schon erblindet sein könnte.

In diesem Inferno gibt es eine Sehende, die Frau des Augenarztes. Sie hat ihre Blindheit nur vorgetäuscht, um ihren Mann in die Quarantäne folgen zu können. Sie wird zur Hoffnung der Eingeschlossenen und zur zentralen Figur des Romans, denn sie trifft das Elend doppelt, weil sie es mit ansehen muss. Unter ihrer Führung gelingt einer kleinen Gruppe schließlich die Flucht.
Die Ausgebrochenen finden eine Welt vor, die von Blinden bevölkert ist und in der es keine öffentliche Ordnung mehr gibt, die ebenfalls zum Irrenhaus geworden ist. Das ganze Land ist selbst ins Chaos gefallen, Blinde irren auf der Suche nach Essbarem hilflos durch die Straßen, während Ratten durch die verlassenen Wohnungen ziehen…..

Eine Lösung für jedes Problem (Buch)

von Kerstin Gier

Mein (mehr oder weniger zufällig in die Hände gefallenes ) neues Oktobergrau Buch, nichts Schweres, leicht zu lesen und erheiternd zugleich. Ein Buch, was an solchen kaltnebeligen Tagen leicht auszulesen ist, man sich hin und wieder darin selber findet und letzt Endes doch amüsiert ist.

Gerri schreibt Abschiedsbriefe an alle, die sie kennt, und sie geht nicht gerade zimperlich mit der Wahrheit um. Nur dummerweise klappt es dann nicht mit den Schlaftabletten und dem Wodka – und Gerris Leben wird von einem Tag auf den anderen so richtig spannend. Denn es ist nicht einfach, mit seinen Mitmenschen klarzukommen, wenn sie wissen, was man wirklich von ihnen hält!

LESEPROBE»Gib mir bitte mal die kleine Wunderschüssel aus dem Schrank, Lu… Ti…Ri«, sagte meine Mutter. Vom Mittagessen waren eine Kartoffel, eine hauchdünne Scheibe Braten und ein Esslöffel Rotkohl übrig geblieben, zu schade zum Wegwerfen, wie meine Mutter fand. »Genau die richtige Portion für einen allein«, sagte sie.Ich heiße natürlich nicht Lutiri.Ich habe noch drei ältere Schwestern, und meine Mutter hatte schon immer ein Problem, unsere Namen auf Anhieb richtig zuzu­ordnen. Wir heißen Tine, Lulu, Rika und Gerri, aber meine Mutter nannte uns eben Lutiri, Geluti, Riluge und so weiter, da gibt es ma­thematisch ja unendliche Möglichkeiten, auch im viersilbigen Be­reich. Ich bin Gerri, die Jüngste. Und die Einzige, die allein lebte und von der daher erwartet wurde, von einer winzigen Kartoffel, einer mickrigen Scheibe Fleisch und einem Löffelchen Rotkohl satt zu werden. Als ob man als Single automatisch weniger Appetit hätte.»Das ist nicht die Wunderschüssel, das ist Flexi -Twin«, sagte mei­ne Mutter. Ich stellte die Plastikschüssel zurück in den Schrank und reichte ihr eine andere.Um keine unnötige Aufmerksamkeit zu erregen, war ich zum sonn­täglichen Mittagessen bei meinen Eltern erschienen. Mein Plan war je doch, dass dies die letzte gemeinsame Mahlzeit sein sollte.»Das ist Prima Klima Frische Kick eins Komma sechs«, sagte mei­ne Mutter und sah mich genervt an. »Viel zu groß. Jetzt stell dich doch nicht dümmer an, als du bistUnd die nächste bitte.Meine Mutter seufzte. »Das ist Clarissa, aber die tut es auch, gib schon herEs war schon komisch, dass meine Mutter ihre Kinder nicht beim richtigen Namen nennen konnte, aber bei Tupperschüsseln so überhaupt kein Problem damit hatte. Mal ganz abgesehen davon, dass ich viel, viel lieber Clarissa geheißen hätte als Gerda. Aber so ist das: Nicht nur nahe zu alle anderen Menschen, nein, auch die Haushaltsgeräte hatten schönere Namen als ich.Meine Schwestern allerdings waren mit ähnlich unattraktiven Namen behaftet wie ich. Das lag daran, dass wir alle Jungs hatten werden sollen: Tine ein Martin, Rika ein Erik, Lulu ein Ludwig und ich ein Gerd. Der Einfachheit halber hatten meine Eltern nach der Geburt immer nur ein A hinten an den Jungennamen gehängt.Tine hatte noch am wenigsten über ihren Namen zu meckern, sie bemängelte nur, dass »Martina« so häufig vorkäme. Zu allem Überfluss hatte sie einen Mann namens Frank Meier geheiratet, der ebenfalls mit der Häufigkeit seines Namens unzufrieden war. Die Kinder der beiden hatten daher Namen, die sonst niemand hatte (und wohl auch nicht haben wollte, wenn Sie mich fragen). Sie hießen Chisola, Arsenius und Habakuk.Chisola, Arsenius und Habakuk Meier.Chisola war zwölf und sprach nicht viel, was Tine auf Chisolas Zahnspange, ich aber auf Chisolas vier Jahre jüngere Brüder schob. Die beiden waren Zwillinge und machten ununterbrochen Krach und Dreck.So wie vorhin beim Essen.Ich hätte mir keine Sorgen darüber machen müssen, ob jemandem auf fallen könnte, dass mit mir was nicht stimmte. Die ganze Aufmerksamkeit galt wie immer den Zwillingen. Selbst wenn ich meinen Kopf unter dem Arm getragen hätte, wäre es niemandem aufgefallen.Habakuk matschte den Rotkohl unter die Kartoffeln und versuchte, den Brei bei geschlossenem Kiefer durch seine Zahnlücke einzusaugen. Arsenius schlug das Besteck auf den Tellerrand und brüllte im Takt »Habakuk! Spuck! Spuck! Spuck dazu. Und das tat Habakuk dann auch nach einer Weile: Er spuckte seinen Brei mit würgenden Lauten wieder zurück auf den Teller. (…)